Kuckucksuhr und Klettern im Kirschbaum

Presseberichterstattung in der Gießener Allgemeinen Zeitung vom 13. Juli 2014:

Gießen (pd). Drei junge Chinesen aus der Partnerstadt Wenzhou berichten über ihre Erfahrungen in Gießen

Gelebte Partnerschaft: Nicht nur im Mathematikum sind die Schüler aus Gießen und Wenzhou ein Herz und eine Seele. (Foto: Schepp) © Oliver Schepp

Gelebte Partnerschaft: Nicht nur im Mathematikum sind die Schüler aus Gießen und Wenzhou ein Herz und eine Seele. (Foto: Schepp)

Zuohong He trägt ein Trikot von Mario Götze. Und die 14-jährige Han Lin findet es faszinierend, dass sie im Garten ihrer Gasteltern in Kleinlinden einfach so im Kirschbaum herumklettern kann. Xuan Qi Zhang ist erstaunt darüber, wie gut der Verkehr in Gießen geregelt ist. Die drei aus Wenzhou schildern gemeinsam mit ihren deutschen »Geschwistern« von den jeweiligen Gastfamilien im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung ihre Eindrücke von Deutschland, Gießen sowie schulische und private Erlebnisse.

Beim zweiwöchigen Aufenthalt der Besucher von der »Foreign Language School« der Partnerstadt sind die Jugendlichen erstmals privat in Familien untergebracht. Maßgeblich beteiligt an der Organisation des Austauschs ist der im vergangenen Jahr gegründete »Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Gießen-Wenzhou«. Schriftführer Heinz Kipp freut sich darüber, dass die Schüler »völlig unaufgeregt« miteinander umgehen. Das ist angesichts der kulturellen Unterschiede, der großen Entfernung von 9000 Kilometern zwischen den beiden Städten sowie der Tatsache, dass deutsch-chinesische Kontakte vor einigen Jahren »noch eher mit Angst behaftet« gewesen seien, keine Selbstverständlichkeit, weiß der Leiter des Staatlichen Schulamts. Auch der Altersunterschied – die Schüler aus Wenzhou sind zwischen 13 und 14 Jahren, die Partner von der GGO sind 17 oder 18 und besuchen die Oberstufe – spielt offenbar keine Rolle.

Dass die Gäste aus der Partnerstadt sich besonders über geordnete Verkehrsverhältnisse und ein Stück Grün direkt vor der Haustür freuen, lässt sich aufgrund der Situation in Wenzhou nachvollziehen. Die Stadt im Südosten Chinas ist in den vergangenen sieben Jahren von sechs auf neun Millionen Einwohner gewachsen. »Der Straßenverkehr ist chaotisch«, sagt Niklas Schnorr. Der 18-jährige Lützellindener gehört ebenso wie Emira Kuhn und David Braun zur Gruppe von Ostschülern, die Wenzhou im April einen Besuch abgestattet haben. Dass man sich als Fußgänger mit dem motorisierten Verkehr, der über achtspurige Straßen rollt, erst arrangieren muss, berichten alle drei Jugendliche. Davon kann auch David ein Lied singen, der eigentlich nur drei Ampeln von der Wohnung der Gastfamilie bis zur Schule überqueren musste. Für das heimische Trio stehen allerdings der herzliche, freundliche und offene Umgang der chinesischen Familien mit ihren Gästen im Vordergrund.

Das gilt im Übrigen auch für die chinesische Delegation in Gießen. Die hat sich zum einen über Besuche in Heidelberg, dem Wiesbadener Landtag, im Mathematikum oder im Stadttheater gefreut, den nachhaltigsten Eindruck haben aber auch bei den jungen Chinesen die privaten Kontakte hinterlassen. So berichtet Zuohong He mit leuchtenden Augen von seiner Vorliebe für Kuckucksuhren und wie es ihm gemeinsam mit den deutschen Gastgebern gelungen ist, in Frankfurt ein stattliches Exemplar zu erstehen.

Xuan Qi ist beeindruckt vom Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern. Das sei in China von sehr großem Respekt geprägt, bei ihrer Gastfamilie sei es dagegen locker und eher freundschaftlich. Positiv registriert die 14-Jährige zudem, dass man an deutschen Schulen nachmittags auch mal unterrichtsfrei hat. In Wenzhou erstreckt sich der Schultag von 7.30 bis 17 Uhr. Und Hausaufgaben gibt es auch in den Ferien.

Schüler aus Gießen und Wenzhou plädieren – ebenso wie die Vertreter des Partnerschaftsvereins – dafür, den Austausch zwischen den Schulen beider Städte zu intensivieren. Dazu passt die Anregung des stellvertretenden Leiters der »Foreign Language School«, auch die Kooperation zwischen Lehrern aus Gießen und Wenzhou zu fördern. Wenn die chinesische Delegation am Sonntag in Frankfurt das Flugzeug zurück nach Hause besteigt, wird es jedenfalls viele Abschiedstränen geben. Und nicht nur der junge Mann im Götze-Trikot wird seinen deutschen Freunden die Daumen drücken fürs WM-Endspiel am Abend.

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